Vom Gnom zum Imperator
Themen
aus dem gleichnamigen Buch.
Vergangene Industriegeschichte, in Streiflichtern
dargestellt.
Teil 1: Anfänge – Gründerjahre – ein Name wird geboren.
Die
Namensbezeichnung »Gnom« für einen Motor geht bereits lange vor der Entstehung
der Horex-Werke 1923/24 auf das Jahr 1891 zurück und hatte damals noch nichts
mit Horex zu tun.
Als der junge Maschinenbaustudent Willi Seck den
elterlichen Betrieb der Gebr. Seck aus Westerburg, in Oberursel/Taunus, für die
Fertigung seines ersten »Petroleummotor« übernahm, den er in den »Elterlichen
Werkstätten« entwickelt hatte, war der ursprüngliche Maschinen- und
Walzenmühlenbau, gegr. in den Jahren 1883/86, nach Darmstadt verlegt worden, wo
bereits ein Teilbetrieb bestand. So zeichnete dieser junge Mann dann für die
Gründung der Motorenfabrik am Urselbach in Oberursel verantwortlich.
Zunächst hieß es jedoch 1892 noch »Motorenfabrik W. Seck & Co.«, bis vier
Jahre später die Umwandlung in eine GmbH erfolgte. 1897 verließ Wilhelm Seck
die Firma, weil er bei seinen Gesellschaftern für den Bau eines Kraftwagens
kein Gehör fand. Seitdem verliert sich seine Spur (siehe auch den Hinweis
Suchen, Verbleib W. Seck, weiterer Lebensweg?). Der so bezeichnete erste »Gnom«
war für heutige Begriffe ein gar mächtiger Eisenklotz, gedacht für den
unabhängigen und jederzeit verfügbaren Antrieb von Maschinen in
Handwerksbetrieben und Fabriken. Anfangs noch mit einer Leistung von nur sechs
PS, wurden die Motoren beständig weiter verbessert, wurden zu einer
Erfolgsgeschichte, auch im stetem Wettbewerb mit der Köln-Deutzer Fabrik
von Langen und Otto, der ersten Fabrik in der Welt überhaupt, die
ausschließlich nur für den Bau von Motoren errichtet wurde. Schließlich wurden
Lizenzen nach Frankreich an die Gebrüder Seguin vergeben, die auf der Basis der
Oberurseler Motoren nach einer amerikanischen Idee erste Sternmotoren für
Flugzeuge entwickeln. Ab 1910 wird unter gegenseitigem Austausch einer
Lizenzvergabe mit der Firma »Societe des Fonderies de Cuivre« in Lion ein
Flugmotor aus dem Grundmodell eines Oberurseler Motors mit dem Namen
»Gnome-Rhone« entwickelt, daher die Namensgebung.
Während beim Standartmotor die Zylinder feststehen und sich die Kurbelwelle dreht, steht beim Umlaufmotor die Kurbelwelle fest und die Zylinder drehen um die Kurbelwelle. Aus dem ersten noch in Frankreich entwickelten 7-Zylinder-Einsternmotor mit 50 PS, wurde bereits 1913 in Serien-fertigung ein Neunzylinder-Sternumlaufmotor.
Alle Oberurseler Nachbauten erlangten einen hohen Qualitätsstandard. Aus sieben Zylindern, wurde ein Doppelstern mit vierzehn Zylindern. Schließlich ließen sich die Leistungen bei den Doppelsternmotoren bis auf 177 PS steigern. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 begann in Oberursel die Kriegsproduktion für die Jagdflugzeuge. Während des Krieges kamen von den in Deutschland produzierten 3.984 Umlaufmotoren, 2.932 (74%) aus Oberursel. Der Ob. Ing. Eduard Freise war hierbei maßgeblich als Konstrukteur tätig. So berühmte Jagdflieger wie von Richthofen und Immelmann flogen in ihren Fokker-Flugzeugen diese Motoren.
Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges ist es mit dieser Produktion vorbei. Die Umstellung auf eine erneute Friedenproduktion ist nicht einfach. Der dann wirkliche »Gnom«, der in dieser Epoche auf dem Zeichenbrett von Eduart Freise entsteht, ist ein kleiner viertaktender Fahrradhilfsmotor von 63 ccm, dessen Zylinder als Stahlbuchse ausgebildet im Leichtmetallgehäuse eingeschraubt wurde und der etwa 1 PS bei 2500 U/min leistete. Die Produktion der aus einem Stück gedrehten kleinen Zylinder wurde bis etwa 1920 vorwiegend in der »Wasserwerkstatt« (die Drehmaschinen wurden dort von der Wasserkraft des Urselbaches angetrieben) der Oberurseler Motorenfabrik vorgenommen. Schließlich wird eigens für die Kleinmotorenfertigung die »Columbus-Motorenfabrik A.G.« gegründet und nun wird der Gnom in der Schulstraße in Oberursel montiert. Auch der sehr geschäftstüchtige Kommerzienrat Friedrich Kleemann, ist mit einem Aktienpaket an diesem jungen Unternehmen beteiligt. Hatte er doch bereits 1918, nach dem Tode seines Geschäftspartner Leonhardt die alleinige Majorität der »Rex-Konservenglas-Gesellschaft« in Bad Homburg v. d. Höhe übernommen. Danach siedelte er sich auf dem von der Stadt Homburg v. d. H. bereits 1903 von der Nachbargemeinde Gonzenheim für den Bau eines neuen Bahnhofs erworbenen, jetzt nach dem Kriege in Notstandsarbeiten neu erschlossenem Industriegebietes, Industriestraße 1 an, um neue Lagerhallen zunächst für die »Rex« geschaffen. —
1921 schließen
sich auf Grund der schwierigen Wirtschaftslage die Oberurseler Motorenfabrik
und Köln-Deutzer Motorenfabrik zu einer IG, sprich Interessengemeinschaft,
zusammen. Die Oberurseler behalten jedoch ihre Selbständigkeit bei. Eduard
Freise, bislang bei der MO noch als Prokurist tätig, übernimmt den Posten des
technischen Direktors bei der kleinen Columbus-Motorenfabrik. Zu gleicher Zeit
machte sich der Sohn Fritz von Friedrich Kleemann, heimgekehrt aus den USA, wo
er eine Praktikantenzeit bei Henry Ford in Detroit abgedient und sich danach
noch bei einigen heimischen Betrieben erste Sporen verdient hatte, unter dem
Firmenlogo »Fahrzeugbau Bad Homburg« selbständig und montierte zunächst mit ein
bis zwei Arbeitern Ing. Freises lütten »Gnom«, für den jetzt als
alleiniges Produkt die »Columbus Motorenfabrik« zeichnete, in Fahrräder. Dieses
geschieht dann auch prompt in einem Lagerschuppen auf dem neuen Rex-Gelände des
Vaters in der Industriestraße.
Von des Vaters »Rex-Conservengläsern«, wollte Sohn Fritz nichts wissen. Der setzte sich lieber auf seine Englische Sunbeam, auch andere Fabrikate oder des Vaters Auto (vornehm fuhr man aus Frankfurt einen Adlerwagen) und trieb sich auf Motorsportlichen Wettbewerben herum, denn Papa war kein armer Mann, daselbst sehr geschäftstüchtig, trotz verlorener Kriegsanleihen samt seinem Überseebesitz, denn die Rex-Gläser hatten sich bereits vor dem Kriege bis in die Staaten verkauft, verkauften sich im Kriege und waren auch jetzt weiterhin gefragt.
Es ist die
Epoche nach dem unglückseligen Kriege, viele Menschen in Bad Homburg und
Oberursel jetzt brotlos waren. 2.000 Menschen hatte die MO noch 1918
beschäftigt - 1919 waren es dann nur noch 940 und durch die folgende Inflation,
sank die Zahl der Beschäftigten schließlich 1924 auf 660. Mit jedem der es
schaffte eine neue Existenz zu gründen, entstanden auch neue Arbeitsplätze
– z. B. Bücker, ehemaliger MO-Mann machte sich in Oberursel selbständig
und wird zu einem erfolgreichen Motorrad-Konfektionär. Aus dieser Zeit sind so
wahre Anekdoten erhalten geblieben wie: »Willst du nicht bei mir anfangen, ich
will meinem Sohn eine Motorradfabrik einrichten«, so sprach es der Herr Kommerzienrat Friedrich
Kleemann einst zum späteren Meister Streicher bei Horex. Viele der entlassenen
Mitarbeiter fanden so bei den sich gründenden neuen Gewerken Lohn und Brot. Nur
so rosig war das dennoch alles nicht. Was die Menschen erarbeiteten, fraß die
Inflation zunächst wieder auf. Mit dem Ende der Inflation, 1923/24, gelingt es
endlich Fritz Kleemann, mit der Unterstützung seines Vaters, in den Motorradbau
einzusteigen. Aus dem „Fahrzeugbau Bad Homburg“ wurde jetzt
die »HOREX Fahrzeugbau Bad Homburg A.G.« Ausschlaggebend war,
Ing. Freise, der bei der Columbus den Posten eines Direktors und zugleich den
eines Konstrukteurs einnahm, er war nicht untätig gewesen und hatte einen
vielversprechenden 250 ccm Motor entwickelt. Dieser Motor brauchte natürlich
ein Fahrwerk – der legendäre Prozess um den Gnom mit der »AMI« (Auto-Motoren.Industrie
G.m.b.H. Berlin-Schöneberg), man hatte die »Gnom-Leute« kurzerhand verklagt,
weil AMI die alleinigen Rechte zum Einbau des Motors vor dem Tretlager
forderte, diesen Prozess, der zunächst einst noch auf den Schultern der »MO«
ausgetragen wurde, der war da längst vergessen, denn bei Adler war Freises Gnom
einfach nachgezeichnet worden und wurde zum Einbau nach Berlin geliefert und
die forderten die alleinigen Rechte...,
und machten mit dem Ende der Inflation 1924 dicht. Natürlich wurde der
Prozess zu Gunsten des »ersten Gnom« gewonnen. Halt, er war ja eigentlich der
zweite Gnom, aber dafür ein »wahrer Gnom« und er sollte die Geschichte einer
Motorradfabrik einleiten. –
Der junge Fritz
Kleemann hatte bis dato immer nur komplette Fahrräder zum Einbau des Gnom
bezogen, doch für diesen neuen Motor, den 250er, da gab es zunächst weder ein
Fahrgestell, geschweige denn eine Fertigungseinrichtung für den Rahmenbau. So
bezog er seine ersten Motorradrahmen kurzerhand bei der Maschinenfabrik Stein
in Frankfurt a. M., die da die »Dolf«-Motorräder herstellten, eine damals sehr
vielversprechende Zweitaktkonstruktion. Der »Dolf-Rahmen« half den neuen Motor
auf die Räder zu stellen, Befestigungsbleche und Schellen produzierte eine
Schlosserei am Ort, und so fuhr nun Fritz Kleemann damit tatsächlich vielen
Mitbewerbern davon. Der Motor, mit seinen am Ende 6 bis 7 PS (eingangs »2
Steuer-PS«), wurde ein Erfolg, den dann schließlich auch weitere Firmen als
Einbaumotor orderten. Daraus resultierte die Ähnlichkeit der Fahrwerke von
Horex und Dolf, auch später noch, als Fritz Kleemann längst seine eigenen
Fahrgestelle fertigte. Die Verwandtschaft zu den einstigen Flugmotoren wurde denn auch
diesen ersten Columbusmotoren nachgesagt – nun, jeder Konstrukteur hat
eben seine eigene individuelle Handschrift. So wurde diese kleine »Columbus
Motorenfabrik A. G.« zu einer gewissen Urzelle, aus der die neu gegründete
»Horex Fahrzeugbau A. G.« ihre Kraft bezog.
Ob.-Ing. Freise
blieb derweil nicht untätig, denn der junge Fritz Kleemann wollte natürlich
mehr. Nach englischem Vorbild, entstand, und er wurde bereits schon 1924 fertig
– der erste 500 ccm SV-Motor – nicht nur, dass man mit dem
kleenen kopfgesteuertem zweehundertfufziger vielen Konkurrenten davon fuhr,
sich etliche Firmen dafür als Einbaumotor interessierten wie z. B. Dietlein
& Co. In Magdeburg u. v. a. mehr, auch die neue 500er zeigte des Freiherrn
Koenig-Faxenfelds schneller 350er AJS sogleich im Oktober in Darmstadt am
Krähberg was 'ne Harke ist. - Aus den
kleinen Gnoms der Columbus waren also sehr schnell in der Zusammenarbeit
mit der neu gegründeten HOREX, recht fixe Wichtelmänner geworden, die sich zu
kräftigen Dampfhämmern entwickeln sollten.
Und wie ist der Name HOREX entstanden? Ganz einfach: Bad »HO«mburg v. d. Höhe und »REX«.
Wie es in den zwanziger Jahren weitergeht, folgt in „History 2“, 2. Teil: Die Fusion. —